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Rollen statt Jobs

Jenseits des Hypes — eine kurze Reihe über KI und die Zukunft der Arbeit

Die wichtigsten Gespräche, die ich derzeit führe, sind nicht mit Kunden, sondern mit meinen Kindern.

Drei studieren, eines steht kurz vor der Matura. Und wie viele Eltern werde ich gefragt, welche Richtung sie einschlagen sollten.

Die ehrliche Antwort ist: Ich bin mir weniger sicher als früher.

Früher konnte man relativ klare Empfehlungen geben. Es gab etablierte Berufsbilder und vergleichsweise stabile Karrierewege. Einiges davon hat sich bewährt, anderes weniger, aber es war zumindest in einer Welt verankert, die berechenbarer wirkte.

Heute ist diese Berechenbarkeit keine Selbstverständlichkeit mehr.

Und ich beobachte die gleiche Unsicherheit bei meinen Studierenden.

Die Frage ist nicht mehr nur, was man studieren oder welchen Beruf man wählen soll. Es wird zunehmend unklar, wie ein „Job“ in zehn oder fünfzehn Jahren überhaupt aussehen wird.

Eine Veränderung unter der Oberfläche

Die aktuelle Diskussion über künstliche Intelligenz konzentriert sich häufig auf Jobs: Welche verschwinden, welche entstehen, welche Fähigkeiten benötigt werden.

 

Diese Perspektive greift möglicherweise zu kurz. Denn was sich verändert, ist nicht nur die Tätigkeit selbst, sondern die Struktur von Arbeit.

Studien zeigen, dass KI häufig einzelne Aufgaben innerhalb von Berufen verändert oder automatisiert. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, dass in Bereichen mit stark standardisierten Tätigkeiten ganze Rollen oder Funktionen verschwinden können.

Bis zu 30 Prozent der heutigen Arbeitsaktivitäten könnten bis 2030 automatisiert werden, während sich viele Berufe grundlegend verändern. Gleichzeitig enthalten nahezu alle Berufe bereits heute Anteile, die automatisierbar sind. Rund 60 Prozent der Tätigkeiten weisen mindestens 30 Prozent automatisierbare Aufgaben auf.

Das deutet auf etwas Grundsätzlicheres hin:

Wir bewegen uns nicht einfach von einem Set an Jobs zu einem anderen.


Wir bewegen uns hin zu einem flexibleren Verständnis von Arbeit.

Von Jobs zu Rollen

Wenn sich Tätigkeiten verschieben, verändert sich auch das Verständnis von Arbeit.

Wir bewegen uns möglicherweise hin zu einer Welt, in der Arbeit stärker entlang neuer Muster organisiert ist:

  • Rollen statt fester Stellen

  • Projekte statt langfristiger Aufgaben

  • temporäre Zugehörigkeiten statt dauerhafter Strukturen

 

Diese Entwicklung ist bereits sichtbar. Projektarbeit, cross-funktionale Teams und plattformbasierte Formen der Zusammenarbeit nehmen zu. KI beschleunigt diese Entwicklung, weil sie es erleichtert, Arbeit in kleinere, modulare Bestandteile zu zerlegen.

In gewisser Weise ist dieser Wandel nicht ohne historische Parallelen.

Während der Industrialisierung verlagerte sich Arbeit von handwerklichen Strukturen hin zu festen Beschäftigungs-verhältnissen und klar definierten Rollen innerhalb von Organisationen.

Heute könnte sich erneut ein solcher Übergang abzeichnen, diesmal weg von stabilen Jobprofilen hin zu dynamischeren Formen des Beitrags.

Zusammenarbeit statt Ersatz

Trotz der Intensität der aktuellen Debatten zeigt die Forschung kein eindeutiges Bild einer vollständigen Verdrängung menschlicher Arbeit. Vielmehr geht es um eine Neuordnung.

KI kann erhebliche Produktivitätsgewinne ermöglichen und gleichzeitig dazu führen, dass Arbeit anders organisiert und verteilt wird.

Es entsteht weniger eine Geschichte der Substitution als eine der Zusammenarbeit.

Strukturierte, wiederholbare und klar definierte Aufgaben werden zunehmend von Systemen übernommen. Aufgaben, die Urteilsvermögen, Einordnung und zwischenmenschliche Interaktion erfordern, bleiben beim Menschen.

Manche beschreiben das als Verschiebung von Ausführung hin zu Orchestrierung.

Oder einfacher gesagt: weg vom reinen Tun, hin zum Gestalten der Arbeit.

Was das in der Praxis bedeutet

Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, hängt Relevanz künftig weniger von tiefer Spezialisierung in klar abgegrenzten Tätigkeiten ab, sondern stärker von anderen Fähigkeiten.

In meiner eigenen Arbeit und in Gesprächen mit Kunden und Studierenden lassen sich einige Muster erkennen.

 

Die Fähigkeit, mit KI zu arbeiten, ohne das eigene Denken auszulagern, wird zentral. Das Werkzeug ist leistungsfähig, aber sein Wert hängt davon ab, wie es eingesetzt wird.

 

Die Fähigkeit, Probleme zu strukturieren, gewinnt gegenüber der reinen Umsetzung vorgegebener Lösungen an Bedeutung.

Es wird wichtiger, zwischen Kontexten zu wechseln, Zusammenhänge herzustellen und unterschiedliche Perspektiven zu integrieren.

Und es gibt etwas, das sich nur schwer automatisieren lässt: Urteilsvermögen. Nicht als abstrakter Begriff, sondern als die Fähigkeit zu entscheiden, was in einer Situation relevant ist, was angemessen ist und was man bewusst nicht tun sollte, obwohl es möglich wäre.

Eine persönliche Perspektive

Wenn ich heute Ratschläge gebe, dann weniger im Sinne eines klaren Karrierepfads.

Sondern eher im Sinne von: die eigene Anpassungsfähigkeit zu entwickeln, weiterzulernen und sich in verändernden Kontexten zu positionieren.

Und vielleicht auch dies: das eigene Denken nicht zu schnell auszulagern.

KI kann uns auf bemerkenswerte Weise unterstützen, als Sparringspartner, als Recherchehilfe oder als Werkzeug zur Strukturierung von Gedanken. Gleichzeitig entsteht eine leise Versuchung: sich zu stark auf diese Unterstützung zu verlassen und sich damit schrittweise von den eigenen Fähigkeiten zu entfernen.

Abschließender Gedanke

Vielleicht ist die entscheidende Frage nicht mehr:

„Welchen Beruf soll ich ergreifen?“

Sondern:

„Wie bleibe ich relevant in einer Welt, in der sich die Grenzen von Arbeit verschieben?“

Chris Newman
Newman Seminars

Quellen und Referenzen

  • McKinsey & Company (2025), The State of AI

  • McKinsey Global Institute (2023), Generative AI and the Future of Work

  • McKinsey Global Institute (2025), Agents, Robots and Us

  • Harvard Business Review, verschiedene Beiträge zu KI und Arbeit

Zentrale Themen dieses Beitrags

  • Zukunft der Arbeit

  • KI und Arbeitsorganisation

  • Veränderung von Berufsbildern

  • Mensch-KI-Zusammenarbeit

  • Führung im Wandel

Weiterführende Gedanken

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