
DIE ABKÜHLUNG DER KOMMUNIKATION
Teil der Reihe „Beyond the Hype“
Ein Klient erzählte mir kürzlich, dass sich in seiner Organisation etwas verändert hatte.
Nichts Offensichtliches. Eher etwas Subtiles.
Die E-Mails seien kühler geworden.
Weniger persönliche Anrede, wenn überhaupt. Kaum noch Small Talk. Die Nachrichten kamen schneller auf den Punkt.
Effizienter.
Kein „Ich hoffe, es geht Ihnen gut.“
Kein „Vielen Dank für Ihre Unterstützung.“
Keine menschliche Zwischentöne mehr.
Er war sich nicht sicher, ob er sich das einbildete. Also begann er, genauer hinzuschauen.
Da KI bereits in viele Arbeitsabläufe integriert war, konnte er seine E-Mail-Kommunikation über das vergangene Jahr hinweg gut nachvollziehen.
Das Ergebnis bestätigte sein Gefühl: Die Kommunikation war tatsächlich weniger persönlich geworden.
Warum?
Vielleicht, weil immer mehr Menschen mit KI arbeiten, in einem Kontext, in dem Ton kaum eine Rolle spielt.
Nicht mehr der Mensch bringt der Maschine bei, menschlich zu klingen. Sondern die Maschine beginnt, dem Menschen eine neue Form von Kommunikation vorzuleben.
Oder vielleicht wurden viele dieser Nachrichten bereits direkt von KI formuliert und damit die menschliche Stimme aus dem Austausch leise herausgelöst.
So oder so: Etwas ist in Bewegung.
Ein aktueller Artikel der Harvard Business Review zu Trends im Jahr 2026 zeigt ein ähnliches Bild:
Trotz erheblicher Investitionen fällt es vielen Initiativen schwer, nachhaltige Wirkung zu entfalten.
Gleichzeitig stehen Organisationen unter wachsendem Druck:
schneller werden, effizienter werden, Ergebnisse liefern.
Viele geraten dadurch in eine angespannte Lage:
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Hohe Erwartungen
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Uneinheitliche Ergebnisse
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Zunehmender Druck auf Menschen
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Wachsende kulturelle Spannungen
Dieser Druck zeigt sich oft zuerst in kleinen Dingen.
E-Mails sind eines davon.
Wenn Kommunikation rein funktional wird, beginnt etwas anderes zu verschwinden: Ton. Kontext. Beziehung.
Und mit ihnen etwas noch Grundlegenderes: Vertrauen.
Dieses Muster ist nicht neu.
Vor rund zehn Jahren began plötzlich alles agil werden. Open Offices sollten Zusammenarbeit neu erfinden. Flache Hierarchien Kreativität freisetzen.
Manches davon hat funktioniert. Vieles nicht – zumindest nicht überall und nicht in dem Ausmaß, das erhofft wurde.
Organisationen übernehmen Ideen nicht einfach.Sie müssen sie in ihre Kultur, ihre Strukturen und ihre Arbeitsweisen integrieren.
Und das braucht Zeit.
Das Risiko liegt nicht in der Veränderung selbst.
Das Risiko liegt in Veränderung ohne Passung.
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Ideen schneller einführen, als die Organisation sie verarbeiten kann
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Transformation weiter treiben, als die Kultur tragen kann
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Effizienz optimieren – und dabei Verbindung verlieren
Wir neigen dazu zu glauben, dass die Art, wie wir heute arbeiten, selbstverständlich ist. Dass es schon immer so war.
Das stimmt nicht.
Über lange Zeit war Arbeit eng mit Identität und Herkunft verbunden. Menschen wurden in Berufe hineingeboren, lernten sie und blieben darin. Stabilität entstand aus Kontinuität, nicht aus Wahlfreiheit.
Die moderne Vorstellung von Arbeit, d.h. Karriere wählen, Rollen wechseln, über Teams und Organisationen hinweg zusammenarbeiten, ist vergleichsweise jung.
Und genau deshalb stellt sich eine neue Frage:
Wenn sich das System erneut verändert – was geschieht dann mit dem Menschlichen darin?
KI wird zweifellos ein fester Bestandteil unserer Arbeit werden.
Gleichzeitig beginnt sie, etwas Feineres zu verschieben:
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Wie wir kommunizieren
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Wie wir Beziehungen gestalten
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Wie wir einander begegnen
Ja, Effizienz nimmt zu.
Aber wenn Kommunikation kühler, schneller und stärker optimiert wird:
Worauf optimieren wir eigentlich - und was verlieren wir dabei?
—
Chris Newman
Newman Seminars