
Beyond the Hype – Artikelserie über KI, Arbeit und die Zukunft von Organisationen.

Hinter der Rolle
Relevanz finden im Zeitalter von KI
Während eines kürzlichen Workshops mit einem nationalen Bibliotheksnetzwerk diskutierten wir eine Frage, die weit mehr Gewicht hatte, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte.
Was passiert mit Bibliotheken, wenn immer weniger Menschen physische Bücher lesen?
Oberflächlich betrachtet war die Sorge durchaus praktischer Natur. Digitale Medien breiten sich weiter aus. Recherche- und Lerngewohnheiten verändern sich. KI fasst Informationen zunehmend zusammen, kuratiert Inhalte und stellt Wissen auf eine Weise bereit, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre. Wenn Wissen nicht mehr primär in Regalen lebt, was passiert dann mit Institutionen, die rund um diese Regale entstanden sind?
Zunächst drehte sich die Diskussion um Dienstleistungen und Funktionen: Bücher katalogisieren, Archive bewahren, Sammlungen pflegen, Forschende unterstützen und den Zugang zu Publikationen und Datenbanken organisieren. Mit anderen Worten: um das WAS, also die konkreten Leistungen und Angebote.
Um die Diskussion zu vertiefen, brachte ich Simon Sineks bekanntes „Golden Circle“-Modell ein, das zwischen WHY, HOW und WHAT, also WARUM, WIE und WAS unterscheidet. Gleichzeitig stellten wir die Verbindung zu einer der „6 Grundbedingungen für effektive Teams“ von Richard Hackman und Ruth Wageman her: der motivierenden Orientierung.
Eine motivierende Orientierung beantwortet letztlich eine scheinbar einfache Frage: Warum existiert dieses Team überhaupt?
Langsam begann sich die Perspektive zu verschieben. Vielleicht besteht der eigentliche Zweck einer Bibliothek gar nicht darin, Bücher aufzubewahren. Bücher, Archive, Datenbanken und Katalogsysteme könnten lediglich unterschiedliche technologische Ausdrucksformen von etwas Tieferliegendem sein. Was Bibliotheken letztlich ermöglichen und bewahren, ist Zugang zu Wissen, Verständnis, Lernen und Forschung über Generationen hinweg.
Aus dieser Perspektive sind Regale und physische Bücher nicht der eigentliche Zweck. Sie sind lediglich eine historische Manifestation dieses Zwecks. Und das verändert plötzlich vieles. Denn wenn das WARUM relevant bleibt, kann sich das WAS verändern. Manche Leistungen werden sich wandeln, andere vielleicht ganz verschwinden, ohne dass dadurch der eigentliche Zweck der Institution verloren geht.
Je länger wir darüber sprachen, desto mehr wurde mir klar, dass diese Überlegung möglicherweise nicht nur für Institutionen gilt. Sie könnte zunehmend auch für individuelle Karrieren relevant werden.
Über Jahrzehnte hinweg wurden die meisten von uns dazu ermutigt, sich beruflich über relativ stabile Kategorien zu definieren.
„Ich bin Buchhalter.“
„Ich bin Finanzanalystin.“
„Ich bin Radiologe.“
„Ich bin Projektmanagerin.“
Diese Identitäten ergaben Sinn in einer Welt, in der sich Berufe langsam veränderten und organisatorische Strukturen vergleichsweise stabil waren. Fähigkeiten wurden über lange Zeiträume aufgebaut. Karrierewege waren relativ vorhersehbar. Technologien entwickelten sich langsam genug, dass Expertise oft jahrzehntelang relevant blieb.
Heute wirkt diese Stabilität zunehmend weniger selbstverständlich.
Das bedeutet nicht, dass Berufe plötzlich über Nacht verschwinden oder dass jede alarmierende KI-Prognose exakt eintreffen wird. Die Realität ist meist komplexer, als sowohl Optimisten als auch Pessimisten vermuten. Doch vieles deutet darauf hin, dass sich zahlreiche Berufe in den kommenden Jahren erheblich verändern werden.
Studien von Organisationen wie McKinsey oder dem World Economic Forum gehen davon aus, dass KI eher einzelne Tätigkeiten automatisiert als ganze Berufe vollständig ersetzt. Administrative Arbeit, Datenverarbeitung, Dokumentation, Terminplanung, Routineanalysen und Informationsrecherche verändern sich bereits heute in vielen Branchen grundlegend. Gleichzeitig entstehen neue Formen von Arbeit. Das Ergebnis ist weniger eine einfache Ersetzung des Menschen als vielmehr eine schrittweise Neugestaltung von Rollen, Verantwortlichkeiten und Erwartungen.
Und genau diese Unterscheidung ist entscheidend, denn sie deutet darauf hin, dass langfristige Relevanz möglicherweise weniger von einer konkreten Berufsbezeichnung abhängt als vom tieferliegenden Wert hinter der jeweiligen Rolle.
Technische Fähigkeiten bleiben wichtig. Aber sie werden zunehmend zu temporären Behältern für tiefere Formen von Wertschöpfung.
Der eigentliche Beitrag eines Buchhalters besteht möglicherweise nicht primär in Tabellenkalkulationen, sondern darin, Organisationen dabei zu helfen, Unsicherheit zu reduzieren, Komplexität zu interpretieren und fundierte Entscheidungen zu treffen.
Der tiefere Wert eines Radiologen liegt womöglich nicht nur im Lesen von Bildern, sondern in der Verbindung von Urteilskraft, Kontextverständnis, Kommunikation und Patientenbetreuung, gerade dort, wo Mehrdeutigkeit weiterhin eine große Rolle spielt.
Und die Rolle von Lehrenden geht weit über die reine Vermittlung von Informationen hinaus. Wissen war noch nie so zugänglich wie heute. Menschen dabei zu helfen, Informationen einzuordnen, kritisch zu hinterfragen, sinnvoll zu interpretieren und daraus Verständnis zu entwickeln, könnte künftig noch wichtiger werden.
In vielen Bereichen werden sich Werkzeuge, Plattformen und technische Prozesse weiterhin schnell verändern. Der zugrunde liegende menschliche Beitrag könnte dagegen deutlich langlebiger sein.
Wenn das stimmt, dann hängt berufliche Zukunftsfähigkeit möglicherweise weniger davon ab, eine bestimmte Berufsidentität zu verteidigen, sondern vielmehr davon, den tieferen Zweck hinter der eigenen Arbeit zu verstehen.
Das erfordert andere Fragen. Nicht nur: „Welche Fähigkeiten sollte ich lernen?“ Sondern auch:
„Welches menschliche Problem helfe ich zu lösen?“
„Was bleibt wertvoll, selbst wenn sich die Werkzeuge verändern?“
„Welche Art von Unsicherheit helfe ich zu reduzieren?“
„Was würde tatsächlich fehlen, wenn mein Beitrag wegfallen würde?“
Diese Fragen sind schwieriger zu beantworten als die Wahl eines Studiengangs oder das Sammeln von Zertifikaten. Sie sind auch deutlich weniger statisch, könnten langfristig jedoch wesentlich robuster sein.
Ironischerweise könnte dieser Wandel Karrieren zugleich instabiler und menschlicher machen. Instabiler, weil sich technische Fähigkeiten und berufliche Strukturen schneller verändern als früher. Menschlicher, weil Eigenschaften wie Urteilskraft, Vertrauen, Interpretation, ethisches Denken, Kontextverständnis, Beziehungsfähigkeit und Kreativität gerade dann wichtiger werden, wenn Informationen selbst zunehmend verfügbar und automatisierbar werden.
In vielen Organisationen wird KI bereits zu einer Art allgegenwärtigem Assistenten: recherchierend, strukturierend, zusammenfassend und analysierend. In gewisser Weise haben Führungskräfte schon immer andere Menschen genutzt, um genau solche Aufgaben zu übernehmen. Der Unterschied heute liegt in Geschwindigkeit, Skalierung und permanenter Verfügbarkeit dieser Unterstützung.
Das schafft enorme Hebelwirkung. Aber es verändert auch etwas Subtileres: die Beziehung zwischen Menschen und ihrer beruflichen Identität. Wenn große Teile der technischen Ausführung zunehmend unterstützt, beschleunigt oder teilweise automatisiert werden können, stellt sich zwangsläufig eine andere Frage: Was bleibt unterhalb dieser Ausführung eigentlich dauerhaft wertvoll?
Für viele Menschen kann diese Erkenntnis verunsichernd sein, weil Berufe selten nur wirtschaftliche Kategorien sind. Sie sind häufig eng mit Status, Identität, Kompetenz und Sinn verbunden. Vielleicht fühlt sich der aktuelle Wandel gerade deshalb psychologisch anders an als viele frühere technologische Veränderungen.
Und damit landen wir überraschenderweise wieder bei Bibliotheken.
Technologie hat schon immer verändert, wie Wissen gespeichert, zugänglich gemacht und weitergegeben wird. Der Buchdruck veränderte Wissen. Das Internet ebenso. KI wird dies mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls tun. Doch das tiefere menschliche Bedürfnis hinter Bibliotheken – Wissen zu bewahren, Lernen zu ermöglichen und Menschen dabei zu helfen, Komplexität zu navigieren – bleibt bemerkenswert konstant.
Dasselbe könnte zunehmend auch für Karrieren gelten.
Persönlich hoffe ich dennoch, dass die düstereren Visionen vom vollständigen Verschwinden physischer Bücher nie Realität werden. Als jemand, dessen Leselisten schneller wachsen als der verfügbare Platz in den eigenen Regalen, hänge ich nach wie vor sehr an echten Büchern und an der haptischen Erfahrung, durch Bibliotheken und Buchhandlungen zu streifen: unbekannte Titel aus den Regalen zu ziehen, durch Seiten zu blättern und dabei zufällig auf Entdeckungen zu stoßen, nach denen man ursprünglich gar nicht gesucht hat.
Vielleicht steckt gerade darin eine hilfreiche Erinnerung.
Technologie verändert sich.
Menschliche Bedürfnisse deutlich langsamer.
Und Menschen, die den tieferen Zweck hinter ihrer Arbeit verstehen, werden sich vermutlich besser anpassen als jene, die sich ausschließlich über die aktuelle Form ihrer Tätigkeit definieren.
Chris Newman -
Newman Seminars
Diese Reflexion basiert auf aktuellen Studien zu KI-Adoption, organisationaler Transformation und Führung im Wandel.
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Simon Sinek – Frag immer erst: Warum
Sineks Modell des „Golden Circle“ unterscheidet zwischen WARUM, WIE und WAS und beschreibt, wie sinnorientierte Kommunikation Orientierung und Motivation schaffen kann. -
Hackman & Wageman – 6 Conditions for Team Effectiveness
Forschungsbasiertes Modell von Richard Hackman und Ruth Wageman zu den strukturellen Bedingungen effektiver Teamarbeit. -
Wageman, R., Nunes, D.A., Burruss, J., & Hackman, J.R. – Senior Leadership Teams: What It Takes to Make Them Great
Harvard Business Review Press, 2008. -
World Economic Forum – Future of Jobs Report
Analyse zu den Auswirkungen von KI, Automatisierung und neuen Kompetenzanforderungen auf die Arbeitswelt. -
McKinsey – The Economic Potential of Generative AI
Studie zu den möglichen Auswirkungen generativer KI auf Tätigkeiten, Produktivität und Berufsbilder.
Zentrale Themen dieses Beitrags
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Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Arbeit
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Organisationale Transformation und neue Arbeitsstrukturen
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Führung und menschenzentrierte Organisationen
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Rollen, Identität und berufliche Relevanz
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Sinnorientierte Arbeit und Karriereentwicklung
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Teamdynamik und organisationale Effektivität
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Menschliche Urteilskraft und Sinn im Zeitalter von KI
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