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Beyond the Hype – Artikelserie über KI, Arbeit und die Zukunft von Organisationen.

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Das Ausgelagerte Selbst

Relevanz finden im Zeitalter von KI

Was passiert, wenn wir nicht nur Arbeit, sondern auch Denken auslagern?

Ich gehöre zu jener Übergangsgeneration, die ihre Schulzeit noch weitgehend analog erlebt hat und dann während Studium und Berufsleben in eine zunehmend digitale Welt hineingewachsen ist. Mein Jahrgang gehörte zu den letzten, denen noch Maschinschreiben statt Informatik angeboten wurde. Wir lernten mit Papierakten, handschriftlichen Notizen, Ordnern und physischen Archiven zu arbeiten, während die Welt um uns herum begann, auf Disketten, Festplatten, Datenbanken und schließlich in die Cloud umzuziehen.

Ich erinnere mich noch gut an diesen Wandel. Die Verbindung zur physischen Welt aufzugeben und einem Universum aus Bits und Bytes zu vertrauen, fühlte sich zunächst seltsam an. Ich legte Sicherheitskopien auf Stapeln von Disketten an und druckte jedes wichtige Dokument aus, das ich anschließend sorgfältig in Ordnern abheftete. Die meisten davon sind längst auf der Mülldeponie gelandet oder sammeln heute still Staub und Schimmel irgendwo im Keller.

Ein Teil von mir konnte schlicht nicht glauben, dass Informationen an einem Ort existieren sollten, den ich weder sehen noch anfassen konnte.

Wie die meisten Menschen habe ich mich schließlich angepasst.

Und wenn wir bestimmte Formen von Kontrolle erst einmal aufgeben, geschieht der Rest oft erstaunlich schnell.

Es fällt uns schwer, Verantwortung abzugeben und anderen zu vertrauen – seien es Menschen oder Maschinen. Doch sobald dieses Vertrauen einmal entstanden ist, überwinden wir unsere anfängliche Skepsis oft mit bemerkenswerter Geschwindigkeit. Nach und nach beginnen wir, immer mehr alltägliche Aufgaben an andere Instanzen auszulagern, ganz gleich, ob sie aus Fleisch und Blut, aus Metall oder aus Software bestehen.

Nehmen wir die Navigation.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich Reisen durch den amerikanischen Westen plante. Auf dem Küchentisch lag ein riesiger Straßenatlas der USA ausgebreitet. Ich liebte es, abenteuerliche Umwege einzuzeichnen, Entfernungen abzuschätzen und mir vorzustellen, welche Landschaften hinter der nächsten Ausfahrt auf mich warten würden. Dann kam das GPS. Zunächst als klobige Geräte, die häufig aus geparkten Autos gestohlen wurden, bevor ihre Besitzer überhaupt gelernt hatten, sie richtig zu bedienen. Danach als fest eingebaute Navigationssysteme und schließlich als Apps auf unseren Smartphones, die uns heute ganz selbstverständlich durch die Welt lotsen, während wir gleichzeitig Musik oder Podcasts hören.

Wenn man mir heute eine Straßenkarte in die Hand drückt, spüre ich fast, wie die Nervosität zurückkehrt.

So funktioniert technologische Auslagerung häufig. Zuerst leisten wir Widerstand. Dann begegnen wir ihr mit Skepsis. Schließlich übernehmen wir sie vorsichtig, weil sie nützlich ist. Und ehe wir uns versehen, können wir uns kaum noch vorstellen, ohne sie auszukommen.

Und fairerweise muss man sagen: Viele dieser Entwicklungen haben unser Leben tatsächlich verbessert. Ich vermisse weder Diskussionen zwischen Fahrer und Beifahrer darüber, welche Ausfahrt die richtige ist, noch überquellende Aktenschränke oder das Schleppen schwerer Ordner durch Flughäfen. Ich habe keinerlei Problem damit, meine Dateien in der Cloud zu speichern.

Dennoch verändert jede technologische Entwicklung auf subtile Weise die Beziehung zu unseren eigenen Fähigkeiten. Ich merke das an mir selbst. Mein Orientierungssinn ist nicht mehr derselbe wie früher. Telefonnummern merke ich mir längst nicht mehr so selbstverständlich. Aufgaben, die einst Aufmerksamkeit und Anstrengung erforderten, sind still und unauffällig auf Geräte und Anwendungen übergegangen. Nichts davon geschah von heute auf morgen. Es geschah schrittweise, eine praktische Erleichterung nach der anderen.

Gerade dieser schleichende Wandel fasziniert mich. Nicht, weil ich glaube, dass wir Technologie ablehnen sollten, sondern weil jede Form von Bequemlichkeit ihren Preis hat. Meistens lohnt sich dieser Tausch wahrscheinlich. Dennoch lohnt es sich, von Zeit zu Zeit innezuhalten und sich zu fragen, was wir dafür eigentlich aufgeben.

Das Schreiben hat mich zunehmend dazu gebracht, mich mit dieser Frage auseinanderzusetzen.

Lange bevor ich im Executive Training, im Coaching und in der Organisationsberatung tätig war, war ich Geschichtenerzähler. Im Laufe der Jahre habe ich mehrere Manuskripte geschrieben, darunter einen historischen Roman, der im Österreich des 17. Jahrhunderts spielt, sowie zuletzt eine Sammlung von Kurzgeschichten rund um Essen und Mahlzeiten in unterschiedlichen historischen Epochen. Wie viele Schreibende kenne ich sowohl die Euphorie als auch die Frustration, die entstehen, wenn man versucht, Gedanken und Vorstellungen auf einer Seite zum Leben zu erwecken.

 

Wer ernsthaft geschrieben hat, weiß, dass es zugleich Fluch und Segen ist.

Es war schon immer eine einsame und anspruchsvolle Tätigkeit, Bilder, Gefühle und Ideen in Sprache zu verwandeln – ganz gleich, ob jemand mit einer Feder über Pergament gebeugt saß, auf einer Schreibmaschine tippte oder heute auf einer Tastatur schreibt. Gleichzeitig liegt etwas zutiefst Faszinierendes darin, Figuren zum Leben zu erwecken, Szenen entstehen zu lassen und dabei sowohl Herr über das Schicksal der eigenen Charaktere zu sein als auch gelegentlich von ihnen überrascht zu werden.

Es gab Nächte, in denen Dialoge, Szenen und Bilder so schnell auftauchten, dass meine Finger kaum mithalten konnten. Stunden vergingen, ohne dass ich es bemerkte. Und es gab andere Abende, an denen ich mit einem einzigen Absatz rang und nach dem einen Satz suchte, der sich schließlich um zwei Uhr morgens offenbarte und ein unverhältnismäßig großes Gefühl von Erleichterung und Zufriedenheit mit sich brachte.

 

Natürlich haben Schreibende schon immer Werkzeuge genutzt.

Neben mir liegen während ich dies schreibe mein altes American Heritage Dictionary und mein Synonym Finder, beide mit Rücken, die durch jahrelangen Gebrauch längst gebrochen sind. Bücher haben mich damals umgeben, und sie tun es noch heute. Für meine historischen Romane waren sie unverzichtbar. Manche wurden über die Jahre zu Begleitern, voller Markierungen, Notizen und Lesezeichen. Mit einigen dieser Bücher verbindet mich eine gewisse Vertrautheit, einfach weil wir so viel Zeit miteinander verbracht haben.

Irgendwann hielten auch digitale Werkzeuge Einzug. Webseiten wie Thesaurus.com oder Etymonline ersetzten viele meiner Nachschlagewerke. Sie besaßen nicht dieselbe Vertrautheit wie das Blättern in abgegriffenen Seiten, beseitigten aber Reibungsverluste und ließen Ideen freier fließen.

Später kamen Programme wie ProWritingAid hinzu. Ich mag solche Werkzeuge sehr. Das Überarbeiten von Texten war schon immer einer der mühsamsten Teile des Schreibprozesses, und gute Software macht diese Arbeit schneller, sauberer und professioneller. In vielerlei Hinsicht verdanke ich solchen Hilfsmitteln die Hoffnung, dass Manuskripte, die jahrelang auf meiner Festplatte lagen, vielleicht doch noch das Licht der Welt erblicken.

Dann kamen ChatGPT, Claude und ein ganzes Ökosystem generativer KI-Systeme. Plötzlich hatte ich Zugriff auf etwas, das weit leistungsfähiger war als ein Wörterbuch, ein Thesaurus oder ein Korrekturprogramm. Ich verfügte über einen Rechercheassistenten, Sparringspartner, Ideengeber, Lektor und Diskussionspartner, der rund um die Uhr verfügbar war.

All das ist zweifellos ein Fortschritt.

Und dennoch wirft es eine Frage auf, die sich grundlegend von den Fragen früherer Technologien unterscheidet. Es geht nicht darum, ob diese Werkzeuge nützlich sind. Das sind sie. Es geht auch nicht darum, ob sie produktiver machen. Das tun sie ohne Zweifel. Die interessantere Frage lautet, wo genau die Grenze zwischen Unterstützung und Übergabe verläuft. An welchem Punkt lagern wir nicht mehr nur die Ausführung einer Aufgabe aus, sondern beginnen, Teile unseres Denkens auszulagern?

Ich stelle diese Frage nicht aus Nostalgie. Ich habe kein Bedürfnis, in eine romantisierte analoge Vergangenheit zurückzukehren. Technologie hat meine Arbeit und mein Leben in vielerlei Hinsicht verbessert.

Was mich beschäftigt, ist die Unauffälligkeit, mit der diese Veränderungen stattfinden. Wir navigieren weniger selbst und unser Orientierungssinn verändert sich. Wir merken uns weniger Dinge und unser Erinnerungsvermögen passt sich an. Wir rechnen seltener selbst und verlieren einen Teil unserer numerischen Intuition. Jede einzelne Veränderung erscheint klein, fast unsichtbar. In ihrer Summe verändern sie jedoch schrittweise die Beziehung, die wir zu unseren eigenen Fähigkeiten haben.

Wenn das für Navigation, Gedächtnis und Rechnen gilt – was passiert dann, wenn wir zunehmend Recherche, Formulierung, Synthese, Interpretation und Reflexion auslagern?

Ich bin nicht sicher, ob wir darauf bereits eine Antwort haben.

Vielleicht unterscheidet genau das den gegenwärtigen Moment von vielen früheren technologischen Umbrüchen. Wir lagern nicht mehr nur körperliche Arbeit oder repetitive Berechnungen aus. Zunehmend geben wir Tätigkeiten ab, die viel näher an Urteilskraft, Kreativität, Reflexion und letztlich auch an unserer Identität liegen.

Die entscheidende Frage lautet daher vielleicht nicht mehr, was Maschinen leisten können. Die interessantere Frage ist, welche Fähigkeiten wir weiterhin selbst ausüben wollen.

Vielleicht verbirgt sich genau darin die tiefere Frage hinter vielen Diskussionen über künstliche Intelligenz.

Nicht einfach:

Was kann automatisiert werden?

Sondern vielmehr:

Welche Teile von uns selbst sind wir bereit auszulagern? Und welche sollten bewusst in menschlicher Hand bleiben?

Ich nutze KI. Ich werde sie weiterhin nutzen. Wahrscheinlich werden die meisten von uns das tun.

Doch hin und wieder verspüre ich den Wunsch, diesen alten, zerknitterten Straßenatlas wieder hervorzuholen, ihn auf dem Küchentisch auszubreiten und die nächste Reise durch den amerikanischen Westen von Hand zu planen.

Nicht, weil es effizienter wäre.

Sondern weil es einen Unterschied gibt zwischen dem Erreichen eines Ziels und dem Wissen, wie man den Weg dorthin findet.

Zentrale Themen dieses Beitrags

​​

  • Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Arbeit

  • Menschliche Handlungskompetenz und kognitive Entlastung

  • Technologie, Gedächtnis und Aufmerksamkeit

  • Kreativität, Schreiben und Wissensarbeit

  • Urteilskraft und kritisches Denken

  • Identität im Zeitalter der KI

  • Lernen und lebenslange Entwicklung

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